Rund 60 interessierte Bürgerinnen und Bürger fanden sich gestern in der Zwicky-Fabrik in Fällanden ein, um am öffentlichen Infoanlass zum Thema Lokaljournalismus teilzunehmen. Eingeladen hatte die Gemeinde, um gemeinsam über die Zukunft einer möglichen Gemeindezeitung zu diskutieren.

Eröffnet wurde der Abend von Gemeindepräsident Tobias Diener. In seiner Begrüssung stellte er fest, dass „etwas fehlt“ – insbesondere in der lokalen Berichterstattung. Er sprach von einer spürbaren Krise des Lokaljournalismus. Ziel des Abends war es daher, offen und ohne Vorfestlegung zentrale Fragen zu erörtern:
Was ist eine Gemeindezeitung? Welche Aufgaben erfüllt sie? Ist es die Aufgabe der öffentlichen Hand, ein solches Medium zu unterstützen? Und: Ist eine Gemeindezeitung für Fällanden überhaupt notwendig?
Strukturierter Einstieg: Auslegeordnung
Die Moderation des Abends übernahm Stephan Oehen, Strategieberater aus Maur. In einer ersten Phase wurden verschiedene Perspektiven im Rahmen einer sogenannten Auslegeordnung dargelegt.
Annette Schär, Kommunikationsberaterin und ehemalige Chefredaktorin der Maurmer Post, erläuterte die tiefgreifenden Veränderungen im Lokaljournalismus: Rückgang von Werbeeinnahmen, zunehmende Medienkonzentration und Sparmassnahmen. Der Wunsch nach lokaler Berichterstattung sei dennoch gross.
Sie nannte verschiedene Modelle aus der Region wie etwa die Volketswiler Nachrichten – eine extern produzierte, zweiwöchentlich erscheinende Zeitung, welche auch online erscheint – sowie Beispiele aus Zollikon und Meilen, wo Medien völlig ohne Gemeindebeiträge auskommen. Auch stellte Sie reine Onlinemedien vor wie z. B. die Zolliker News
Schär stellte Vor- und Nachteile verschiedener Modelle vor und betonte die Herausforderung, Qualität und Unabhängigkeit unter wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sicherzustellen. Auch machte Sie auf die Unterschiede einer privaten und staatlichen Herausgeberschaft aufmerksam.
Podiumsdiskussion: Chancen, Risiken, Perspektiven
Im Anschluss diskutierten auf dem Podium Tobias Diener, Annette Schär, Stephan Oehen sowie Michael von Ledebur (NZZ) über die Zukunft lokaler Medien.
Ein zentrales Problem: Lokaler Journalismus ist teuer weil der Markt sehr klein ist. Von Ledebur wies darauf hin, dass guter Journalismus Geld koste. Eine Dorfzeitung habe immer das Problem, entweder im Altpapier zu landen – oder für Konflikte zu sorgen.
Diener hob hervor, wie wichtig die Kommunikation auf Gemeindeebene sei – in einem Ort wie Fällanden auch das persönliche Gespräch. Die Rolle eines neutralen, journalistisch arbeitenden Mediums als „vierte Gewalt“ werde immer seltener erfüllt, sei aber zentral für die Demokratie.
Schär plädierte für konstruktiven Journalismus. Auf Gemeindeebene gehe es nicht um Polarisierung, sondern um gemeinschaftliches Miteinander – Dinge müssten benannt, aber konstruktiv aufgearbeitet werden. Reisserische Schlagzeilen seien dabei nicht zwingend notwendig.
Von Ledebur widersprach teilweise: Auch Konflikte gehörten zum Journalismus, entscheidend sei das nötige Fingerspitzengefühl.
Offenes Mikrofon: Stimmen aus dem Publikum
Im Anschluss wurde das Mikrofon für das Publikum geöffnet. Harry Eggimann machte auf das bestehende und bisher nicht erwähnte Online-Portal Inside Fällanden aufmerksam. Dieter Hunkeler stellte das Angebot näher vor. Annette Schär betonte hingegen, dass Printprodukte eine grössere Reichweite hätten, während Online-Plattformen oft meinungsgetrieben seien.
Ein zentrales Thema war die Frage nach der Unabhängigkeit einer allfälligen Gemeindezeitung. Schär warnte: Sobald Geld fliesse, drohe Einflussnahme. Sie schlug ein Ausschussmodell zur redaktionellen Unabhängigkeit vor. Von Ledebur ergänzte, dass der stärkste Druck oft nicht von privaten Inserenten, sondern von den Gemeinden selbst ausgehe – beispielsweise über die Androhung amtliche Publikationen nicht mehr zur Verfügung zu stellen. Dennoch sei eine Lösung möglich.
Gemeindepräsident Diener betonte, dass der Gemeinderat derzeit keine Entscheidung getroffen habe. Es brauche eine Richtungsdiskussion. Ein allfälliges Projekt müsste ausgeschrieben und von der Gemeindeversammlung beschlossen werden. Denkbar sei auch, nichts zu unternehmen – letztlich könne die Bevölkerung auch über eine Initiative selbst mitbestimmen.
Im Publikum wurden weitere Fragen aufgeworfen: Wie teuer ist ein solches Projekt? Eggimann erwähnte, dass Print sehr kostenintensiv sei. Maur etwa wende rund 500’000 Franken jährlich auf. Diener stellte dem gegenüber, dass Fällanden aktuell rund 30’000 Franken für den Glattaler ausgebe.
Schär verwies auf die Volketswiler Nachrichten, deren Budget sich von 180’000 CHF anfanglichen Kosten auf 300’000 CHF erhöhte – bei zweiwöchentlichem Erscheinen.
Was soll eine Dorfzeitung enthalten?
Auch Inhalte wurden thematisiert: GR Maia Ernst wünschte sich Geschichten aus dem Dorfleben und Leserbriefe – besonders vor dem Hintergrund der zahlreichen Vereine in Fällanden.
Annette Schär skizzierte das typische Spektrum einer klassischen Gemeindezeitung: amtliche Publikationen, Leserbriefe, Inserate, Kirchennachrichten, Porträts sowie Berichte über Veranstaltungen mit lokalem Bezug.
Ein Vertreter der Maurmer Zeitung, Peter Leutenegger, betonte die Bedeutung kritischer Berichterstattung. Als Vereinszeitung gehe man direkt auf die Bevölkerung zu – unabhängig und als vierte Gewalt.
Einige Stimmen zweifelten am Bedarf: Maya Litz etwa meinte, wer sich informieren wolle, könne das bereits tun – auch über die Gemeindehomepage, die aber stark verbessert werden müsse.

Abschliessende Einschätzungen und Ausblick
Zum Schluss bat Oehen die Diskussionsrunde um eine persönliche Empfehlung:
Von Ledebur sprach sich dafür aus, Inhalte Profis zu überlassen.
Schär wies darauf hin, dass eine Gemeindezeitung auch Aspekte der Vereins- und Medienförderung erfüllen könne – die Kosten würden durch positive Nebeneffekte relativiert.
Diener richtete zum Schluss eine Frage ans Publikum: Wer sei jünger als 40? Es meldete sich nur eine Person.
Auch das eine Aussage über Reichweite und Beteiligung.
Der Abend klang bei einem Apéro aus, an dem die Diskussionen engagiert weitergeführt wurden.

Pressefreiheit – die 4. Gewalt im Staat
Die Chefredaktorin der «Küsnachter» Zeitung, Manuela Moser, wurde anfangs des Jahres 2025 von ihrem Posten abberufen. Dies geschah offenbar aufgrund von Meinungsverschiedenheiten über die Berichterstattung, insbesondere im Zusammenhang mit Vorwürfen kritischer Berichterstattung über den Gemeindepräsidenten Markus Ernst (FDP). Die überraschende Freistellung führte zu Diskussionen in Küsnacht, da viele die Berichterstattung von Manuela Moser positiv bewerteten und sich Sorgen um die Unabhängigkeit der «Küsnachter» Zeitung machen.
Manuela Moser war seit Ende 2018 Chefredaktorin der «Küsnachter» Zeitung, nachdem sie vom «Glattaler» in Dübendorf nach Küsnacht wechselte. Sie ist bekannt für eine offene, sachliche Berichterstattung, die naturgemäss zu kritischen Artikeln führt. Der Gemeindepräsidenten Markus Ernst (FDP) sei über die Berichterstattung in der «Küsnachter» Zeitung, betupft gewesen. Die Freistellung von Manuela Moser erfolgte kurz darauf. Naturgemäss wurde darüber im Küsnachter-Dorf wild spekuliert.
Die Bevölkerung von Küsnacht sei bestürzt über den Abgang von Manuela Moser als Chefredaktorin der «Küsnachter» Zeitung und befürchte, dass die Unabhängigkeit der «Küsnachter» Zeitung gefährdet sein könne. Einige Bürger/innen haben eine Aufklärung der Situation gefordert und ein Flugblatt mit der Forderung nach Transparenz herausgegeben. Es gebe nun eine Diskussion darüber, welchen Einfluss ein Gemeindepräsident auf die Berichterstattung der lokalen Zeitung haben darf. Auch dieser Vorfall wirft Fragen zur Pressefreiheit und zur Rolle der Lokalmedien in einer Gemeinde auf, wie bereits in der Gemeinde Maur ZH.
Detailliertes zur Medien-Situation an der «Gold-Küste» und in der Maurmer-Zeitung.