von Lucas David, Fällanden
Die (fast) knalllose Silvesternacht freute mich sehr. Auch wenn ein paar aufrechte Schweizer (ich spreche bewusst nicht auch von Schweizerinnen, denn die Freude an der Böllerei scheint vorab ein männliches Charaktermerkmal zu sein!) sich nicht von der angeblich urschweizerischen Tradition verabschieden konnten, so gab der stark gesunkene Lärmpegel doch Gelegenheit, eine andere Silvestertradition wieder aufleben zu lassen. Ich denke dabei an das festliche Ausläuten des alten Jahres kurz vor Mitternacht, den anschliessenden 12-Stunden-Schlag sowie die nachfolgende, feierliche Begrüssung des Neuen Jahres mit dem vollen Geläute aller Kirchenglocken quer durch die ganze Schweiz.

Schon als Primarschüler durfte ich am Silvesterabend ausnahmsweise bis Mitternacht aufbleiben: Kurz vor Mitternacht versammelte sich die ganze Familie in ehrfurchtsvoller Stimmung auf dem Balkon, um gemeinsam dem Ausläuten des alten und dem Einläuten des neuen Jahres zu lauschen und sich gegenseitig ein gutes Neujahr zu wünschen. Darauf konnten wir Kinder erfüllt, aber müde ins Bett sinken. Ich habe diese Tradition auch mit meinen Kindern weiter gepflegt und selbst nach deren Wegzug in jeder Silvesternacht auf die Kirchenglocken gewartet.
In den letzten Jahren wurde dies indessen immer schwieriger, weil die Böllerschüsse von Jahr zu Jahr das Geläute zu übertönen drohten. Ich wohne zwar nur 200 m von der Kirche entfernt, und doch übertraf die mitternächtliche Knallerei in den letzten Jahren das Einläuten bei weitem, so dass kein einziger Glockenklang mehr zu vernehmen war. Heuer war es unverkennbar anders: Der Stundenschlag und die freudige Begrüssung des Neuen Jahres waren trotz einigen Böllerschüssen dazwischen wieder deutlich hörbar.

Gewiss, es hat immer noch einige Luft nach oben, doch die Tendenz ist erfreulich. Die Freude am kirchlichen Geläute zum Jahreswechsel scheint wie früher gegenüber der vermeintlich kulturellen Bedeutung des Feuerwerks zu überwiegen. Die Wahl zwischen den beiden unvereinbaren Silvestertraditionen, dem friedlichen Glockengeläute und der martialischen Knallerei, dürfte auch in Zukunft wieder leichter fallen!
