Besuch am Stammtisch
Es war einmal ein Dorf in der Nähe von Seldwyla. Dieses Dorf hatte drei Teile: Volktal, Knebelacker und Münzberg. Es wurde von einem Ältestenrat mit mal sieben, mal acht Mitgliedern regiert. Der Rat tagte in der grossen Residenz im Volktal und ging seinen Regierungsgeschäften und Steckenpferden nach.

Seit der letzten Folge dieser Chronik floss ebenso viel Wasser den Fluss bachab wie Vorhaben des Ältestenrates. Natürlich ist das den Männern am Stammtisch im Wirtshaus zum Sterz nicht entgangen. Entsprechend lebhaft wird das Dorfgeschehen beim Feierabendbier diskutiert. Besonders jetzt, bevor der Ältestenrat und andere Autoritäten neu gewählt werden müssen.
Guschti: «Köbi, hast Du die Kandidatenliste für den Ältestenrat?» Natürlich hat sie Köbi dabei und sie lesen sie gemeinsam durch, während Geni sich zu ihnen setzte: «Es Grosses!» «Mir auch noch eins.»
Köbi wunderte sich nach der Lektüre, dass ja nur sieben Namen auf der Liste stünden, und somit ja gar keine echte Auswahl möglich sei. Dem widerspricht Geni, der soeben dazugestossen ist: «Musst das Kleingedruckte auch lesen: der Vorsitzende der Schulpflege wird auch als Mitglied des Ältestenrates gewählt: dann sind es eben acht Kandidaten für sieben Ratsmitglieder.»
Darauf Köbi: «Aha. Reichlich unübersichtlich, aber auch nicht schade, wenn der Vorsitzende der Schulältesten Cento Milionis nicht gewählt wird. Kann ja durchaus sein bei acht Kandidaten für fünf Schulältesten-Sitze.»
Geni: «Wenn aber alle sieben Kandidaten auf der Liste für die Ältesten gewählt werden und ein neuer Vorsitzender der Schulältesten in einer Nachwahl gekürt werden soll, hat es ja acht Ältestenräte, denn er ist ja automatisch auch Mitglied des Rates.»
Jetzt greift Willi ein, der soeben eingetroffen ist: «Macht doch nichts, haben wir ja eh schon mal gehabt.» Die allgemeine Ratlosigkeit kann nur mit einer neuen Runde Bier überwunden werden. Und einer weist darauf hin, dass auf der Liste des Ältestenrates ja nur sechs Personen gewählt werden können. Und der oberste Schulpfleger muss nur mindestens im fünften Rang auf seiner Liste abschneiden, um gewählt zu sein.
Geni: «Wer hat diesen Unsinn erfunden? Alle schwatzen doch von ‹einfacher Sprache›, oder?» Niemand weiss Bescheid.
«Wenigstens bleibt uns Pekunia Frölich künftig erspart» ruft Geni. Zustimmendes Raunen in der Runde. «Dass auch Diskrezia Nada nicht mehr zur Wahl steht, spielt keine Rolle; weiss einer, was sie eigentlich gemacht hat als achtes Rad am Wagen? Noch ein Grosses!»
Willi: «Meinst Du, dass es dann besser wird nach der Wahl? Solange Augias Erschoh Vorsitzender ist, bleibt doch alles beim alten». Kopfnicken allenthalben. «Es drohen inklusive Consulto Heinewin weiterhin 3 Sinnfreie, sekundiert von Subvenzio Rustikus. Und schon ist die Mehrheit da.»
Köbi: «Sind da nicht noch ein paar weitere Kandidaten?»
Willi: «Ja, doch können nur 4 davon gewählt werden.» Worauf Köbi in die Runde fragte, welche denn das sein sollen.
Willi: «Da ist noch Forno Fumo, der bisherige Säckelmeister. Tja, entweder macht er beim Geld Verlochen mit, oder er wird jeweils in einer Rauchpause überstimmt. Von den übrigen kann vielleicht der Neue Nono Wohco etwas Sachkenntnisse einbringen, sofern jemand hinhört. Ein ganz erfahrener Kandidat, Ipocrito Presidius, hat schon reiche Praxis im Investieren öffentlicher Gelder und in auflösungsorientierter Personalführung und würde vielleicht ganz gut ins Gremium passen, unterstützt vom bunten Ami Herpethon, auch er versiert im Ausgeben fremden Geldes. Dieser hat seine Finanzexpertise bisher in die Säckel-Kontrollbehörde eingebracht. Zweifellos würde er sofort die Ältesten anhalten, Bratwürste nur noch mit einem Anteil Erbsen-Protein zu verzehren – wenn überhaupt.»
Köbi: «Aber seid doch froh, dann wird endlich Minne einkehren im Ältestenrat. Ähh, habt ihr schon bemerkt, dass da keine Frauen mehr sind?»
Geni: «Ja und, das ist doch nicht…»
Willi: «Sei still, du Macho.»
Geni: Grummel, grummel. «Woker Typ. Noch ein Grosses.»
Köbi: «Gibt es wenigstens für die Säckel-Kontrollbehörde Frauenkandidaturen?»
Fredi: «Ich glaube nicht. Dafür langjährige, verschiedenste Erfahrungen. Ich weiss aber nicht so recht: der reifste der Kandidaten Mettu Salem macht seinem Namen alle Ehre, und von einem freien Bewerber geht die Kunde, dass seine Geschäftstätigkeit nicht nur von Erfolg gekrönt war. Ob das gute Qualifikationen sind für eine fundierte Kontrolle des Gemeinde-Säckels? Die lauen Verlautbarungen der Behörde in der letzten Amtszeit lassen nichts Gutes erahnen.»
Guschti: «Du hättest Dich ja aufstellen lassen können!»
Fredi: «Ich bin ein Handwerker und kenne mein Grenzen. Und von Buchhaltung weiss ich nur, dass ich in meinem Geschäft mehr einnehmen muss als ausgeben.»
Guschti: «Das reicht doch schon: damit wärest Du der einzige wirkliche Experte im Gremium. Noch ein Bier, bitte. Übrigens: für den Vorsitz kandidiert ein wiederaufbereiteter Sinnfreier. Die Zusammenarbeit der beiden gleichparteiischen Vorsitzenden von Ältestenrat und Säckelkontrolle wird bestimmt hervorragend sein. Hast Du jemals ein Klubmitglied gesehen, der seinem Spezi ans Bein pinkelt?»
Nach einer Konsens- und Schluckpause kommt Geni auf das Thema zurück.
Geni: «Daneben wird ja noch die Schule und die Reformierte Kirche gepflegt, und diese Würdenträger müssen auch gewählt werden.»
Willi: «Schulpfleger lachen uns ja bereits am Strassenrand entgegen. Hier hat es wenigstens Frauen, die kandidieren. Die eine ist für eine ‹moderne Schule›. Ob das wohl heisst: ‹gschpürsch mi› und seid nett miteinander? Für Rechtschreibung und Kopfrechnen oder gar Geshichtsundericht bleibt da natürlich kein Plaz, umsoh weniger, als die Leerervordbildung ausgebaut werden sol und die Tschokertage-Anzal verdoppelt. Und die Nachtheilskompensazion soll auf drei Viertel der Schühlerinen un Schülr ausgebaut werden. Die beiden pflegenden Parteigenossen des Vorsitzenden des Ältestenrates werden da natürlich auch nicht dagegenhalten, sonst hätte man ja im Falle von Cento Milionis seinen Wahltext wenigstens auf die grobsten Fehler geprüft. Immerhin tröstlich, dass er bei seinen ehrenamtlichen Tätigkeiten Entspannung findet. Spannend, wie Entspannung entstehen kann bei so viel Spannung durch Fehler und Versäumnisse.»
Köbi: «Sei nicht so pingelig, das kommt schon gut. Cento Millionis und Rotaria Collasede werden – Wahl vorausgesetzt – am Ende dieser Vierjahres-Periode zusammen vierzig Jahre Pflege-Erfahrung haben. Wenn das kein Segen ist für die Schule! Viel mehr, als alle anderen Partei- oder Sinnfremden der Pflege zusammen.»
Guschti: «Du weisst, dass von den acht Kandidaten deren drei über die Klinge springen müssen?»
Köbi: «Ich überlege ja längst. Die Hoffnung stirbt zuletzt.»
Fredi: «Bleibt noch die Reformierte Kirchenpflege. Dafür halten sich 6 Kandidaten für 7 Sitze bereit, eingeschlossen Kumulus Emtli, welcher ja auch die Schule pflegen will. Für das Präsidium und den siebten Sitz konnte sich bislang niemand erwärmen.»
Willi: «Ist ja auch kein Wunder: nach dem Chaos unter dem vorletzten Präsidium hat die Behörde und damit die ganze Kirchgemeinde massiv an Autorität und Finanzen eingebüsst. Viele Gemeindemitglieder sind ausgetreten; noch mehr haben sich innerlich verabschiedet. Weswegen zieht sich der aktuelle Präsident zurück nach nur vier Jahren?»
Fredi: «Man kann sich denken, weshalb. Aber das hier zu rezyklieren bringt nichts. Schauen wir in die Zukunft. Es wird einen zweiten Wahlgang geben. Zweifellos wird eine siebte Person dafür gefunden. Und ein bisheriges, erfahrenes Mitglied kann dann nach vielseitigem Bitten das Präsidium übernehmen. So dreht sich das Präsidentenkarussell im Dorf in der Nähe von Seldwyla, in welchem die Leute ein kurzes Gedächtnis haben.»
Geni: «Seien wir doch froh, einen so einzigartigen Vorsitzenden des Ältestenrates zu haben. Seit 16 Jahren im Rat, davon die Hälfte als Primus. Durchsetzungsstark und mit Herz für die Bevölkerung.»
Köbi: «Der Mann müsste doch längst Bundesrat sein bei diesem Leistungsausweis (der zweite aus der Gemeinde)! Ich kann euch nur empfehlen, sein Anschlagbrett einmal durchzulesen. Da kann man nur den Hut ziehen vor solchenumfassenden Qualitäten: Fast nur erfolgreiche Abstimmungen. Schaffung von neuen Begegnungsplattformen. Mit einer auf 5% reduzierten Fluktuation in der Dorfschreiberei.»
Guschti: «Hast Du nicht das Anschlagbrett eines Namensvetters gelesen? Reden wir von der selben Person? Ist nicht die Pastorenhütte auf dem Münzberg trotz Geldinjektionen kläglich gescheitert? Kann es sein, dass die 5% Personalfluktuation sich beziehen auf diejenigen, die geblieben sind? Auch sonst kann ich nur staunen über die realisierten Ergebnisse im Dorf in der Nähe von Seldwyla. So frage ich mich, weshalb die Kutschenflut im Dorfzentrum jährlich grösser wird; weshalb regelmässig teure Verweser angestellt werden müssen für die Dorf-Schreibstube; weshalb wir zwischendurch und unnötigerweise 8 Älteste hatten; weshalb die dysfunktionale «Begegnungsplattform» auf dem Münzberg durchgeboxt werden musste mit absehbarem finanziellen Schaden für die Steuerzahler; weshalb das Dorf-Anschlagbrett noch immer unbrauchbar ist; weshalb Geld vernichtet werden soll für ein Dorfblättli, wo doch eine funktionierende Plattform bereits besteht; weshalb ein Alimico-Laden in einem neuen Gemeindehaus hätte einquartiert werden sollen; weshalb man zahlreiche ‹Bevölkerungsversammlungen› veranstaltete ohne jedes Ergebnis; weshalb die Schulhaus-‹Planung› ebenso chaotisch wie sündhaft teuer ist; weshalb wiederholt Gemeindebetriebe ausgelagert werden sollen unter Beibehaltung des vollen Risikos für die Steuerzahler; weshalb uns eine Steuererhöhung droht, wo umliegende Gemeinden darauf verzichten können; weshalb zieht der Aeltestenrat vor Bundesgericht; weshalb…»
Fredi: «Hör‘ doch auf. Sonst sitzen wir um Mitternacht noch hier, und ändern tut sich eh nichts.»
Willi: «Ja, leider. Hast ja gesehen, wie der Ältestenrat an der letzten Volksversammlung mit gezinkten Karten spielte mit seinem ‹Faktenblatt› zu einer Kutschenstrasse am Dorf vorbei. Und dass Subvenzio Rustikus dagegen ist, verwundert wenig, denn die Kutschen könnten ja künftig über sein Land fahren. Einige wenige Anwesende gaben den Ausschlag, dass die Kutschen auf viele weitere Jahre im Dorf in der Nähe von Seldwyla mit Schlangestehen aus allen Himmelsrichtungen unsere Wege verstopfen. Dankbar war der Dorfälteste über die Wortmeldungen für den Stau: so beklagte sich einer über den Kulturlandverlust und die armen Blüemli, nachdem er vor vielen Jahren sein Grünland verkaufte für die Errichtung von Wohnblöcken. Andere Voten waren ebenso fadenscheinig. Der sinnfreie Vorsitzende ist auch nicht glaubwürdig: während sein Verein auf Bildern am Strassenrand für weniger Stau wirbt, flötet er im Dorf in der Nähe von Seldwyla das grünrotlinksökobiodiverse Lied, wenigsten so lange, als es scheinbar mehrheitstauglich ist.»
Geni: «Sagte nicht einer, das Warten im Kutschenstau sei gar nicht so schlimm? Dem kann ich nur zustimmen: wenn ich mit meiner Werkstattkutsche im Stau stehe, so kann ich das den Kunden verrechnen. Bequemer verdiene ich mein Geld nie!»
Fredi: «Spinnst Du?»
Geni: «Nein, eben nicht. Ausserdem brauche ich die Aufträge der Gemeinde.»
Köbi: «Nun freuen wir uns doch an den Wahlbildern am Wegrand. Alle Köpfe mit erwartungsfrohem Lächeln und schön frisiert (wo es noch was zu frisieren gibt). Besonders gefällt mir das sinnfreie Programm: ‹Gemeinsam anpacken!›. Da kommt mir eigentlich nur mein Portemonnaie in den Sinn, das da angepackt werden soll. Denn in den letzten 4 Jahren passierte eigentlich nicht viel, und vieles von dem, was angepackt wurde, ging oft in die Hose. Vielleicht wäre ja besser, die würden gar nichts anpacken.»
Guschti: «Wen soll man dann eigentlich wählen?» Niemand wusste Rat.
Willi: «Da ist guter Rat teurer als der Bierpreis. Ich zahle euch noch eine Runde Kafi Luz.» Zufriedenheit herrscht.
Der Wirt war froh, als er die Gaststube aufräumen konnte für den neuen Tag.
Die Welt dreht weiter und die Kutschen verstopfen auch künftig die Wege im Zentrum des Dorfes in der Nähe von Seldwyla.
Sämtliche Bezüge zu real existierenden Personen, Institutionen und Orten wären rein zufällig und entbehren jeder Grundlage. Die Chronik beschreibt einzig und allein das interessante Leben im Dorf in der Nähe von Seldwyla.

Super!
Honi soit qui mal y pense!
Ich drücke «Nono Wohco» beide Daumen das er gewählt wird 🙂
Ich wäre wirklich gerne dabei gewesen an diesem Stammtischgesrpäch. Ich kenne praktisch alle Kandidierenden und konnte miterleben, dass (fast) alle jeweils eine gute Lösung für die Bevölkerung suchen. In diesem Sinne bin ich sehr gespannt auf den 12. April.
Aus meiner Sicht ist in den letzten vier Jahren politisch einiges gelaufen — zugegeben, manchmal auch mit einem Anstoss aus der Bevölkerung, was ich an unserer direkten Demokratie sehr schätze. Es wurde geplant, diskutiert, korrigiert, verworfen und manches nochmals von vorne aufgegleist. Das mag auf den ersten Blick etwas chaotisch wirken, ist für mich aber auch etwas typisch Schweizerisches. Gute Lösungen brauchen Zeit. Das ist nicht immer bequem, manchmal langsam und bisweilen eine echte Geduldsprobe. Gerade darin liegt aber auch eine Stärke unseres Systems. Lösungen werden nicht einfach vom hohen Tron herab verkündet, sondern unter Einbezug der Bevölkerung erarbeitet.
Für mich ist eine moderne Schule gar nichts Exotisches. Sie ist nicht einfach nett, laut oder beliebig. Und sie ist auch kein Ort, an dem jedes Kind machen kann, was es will. Eine moderne Schule ist eine Schule, die anerkennt, dass Kinder verschieden lernen. Sie bietet Struktur und Verlässlichkeit, fördert dort, wo Unterstützung nötig ist, und fordert dort, wo Potenzial da ist. Sie arbeitet mit dem, was man heute aus Wissenschaft und Praxis weiss. Eine moderne Schule schaut hin, differenziert, begleitet und bereitet Kinder auf eine Welt vor, die nun einmal nicht mehr aussieht wie 1974.
Und genau darum geht es meiner Meinung nach auch bei der Gestaltung (und auch der Verwaltung) unserer Behörden. Ich wünsche mir eine Welt für meine Kinder, die nicht nur rückwärtsgewandt gemütlich ist, sondern auch nachhaltig, fair und zukunftsfähig. Eine Welt, in der wir Verantwortung übernehmen — für Bildung, für Zusammenhalt, für Umwelt und für die Frage, wie wir als Gemeinde miteinander leben wollen. Das ist vielleicht weniger romantisch als die ständige Verklärung der guten alten Zeit, aber für die Zukunft deutlich hilfreicher.
Da hat es Chrinist natürlich einfacher. Vom hohen Tron aus sieht vieles wunderbar schlicht aus. Vielleicht ist genau das der Unterschied: Die einen pflegen mit Hingabe die Dorfchronik und erklären die Gegenwart vom Stammtisch aus. Die anderen versuchen, Schule und Gemeinde so weiterzuentwickeln, dass auch unsere Kinder noch etwas davon haben. Weniger nostalgisch, weniger bequem — aber vermutlich näher an dem, was Verantwortung heute bedeutet.