von Mario Solis, Pfaffhausen
Gemeindeversammlungen gelten selten als Orte grosser politischer Dramatik. Oft stehen Rechnungen, Budgets, Kredite oder organisatorische Fragen im Zentrum. Gerade darin liegt ihre Bedeutung. Wer genau hinhört, erkennt in scheinbar technischen Geschäften, wo gesellschaftliche Veränderungen konkret in einer Gemeinde ankommen.

An der Gemeindeversammlung vom 17. Juni 2026 in der Zwicky-Fabrik stand die Jahresrechnung 2025 im Mittelpunkt. Fällanden schloss mit einem positiven Ergebnis von CHF 3’403’127.91 ab. Das ist erfreulich und spricht für solide Arbeit. Zugleich zeigte sich, dass die Schlusszahl einen Teil der Wirklichkeit abbildet. Ein gutes Ergebnis kann Ausdruck stabiler Arbeit sein. Es kann auch von Sondereffekten geprägt werden. Genau deshalb lohnt sich der zweite Blick.
Der Ressourcenzuschuss aus dem kantonalen Finanzausgleich von CHF 5.5 Mio. und die Rückabwicklung der Versorgertaxen von CHF 1.8 Mio. haben das Ergebnis wesentlich geprägt. Daraus folgt eine nüchterne Verantwortung: Ein guter Abschluss ersetzt keine sorgfältige Priorisierung.
Schon zu Beginn zeigte sich, dass lokale Demokratie auch Leichtigkeit verträgt. Gemeindepräsident Tobias Diener wies mit Humor darauf hin, dass die Versammlung diesmal mit genügend Abstand zum Spiel der Schweizer Nati an der Weltmeisterschaft stattfand. Solche Momente sind mehr als Nebensache. Sie zeigen, dass politische Kultur auch von Nähe und gemeinsamer Alltagserfahrung lebt.
In der Diskussion um die Tagesstrukturen wurde sichtbar, dass Betreuung längst Teil der kommunalen Infrastruktur geworden ist. Beruf und Familie werden vielfältiger organisiert. Tagesstrukturen schaffen dafür konkrete Freiheitsspielräume. Eine liberale Gemeinde sollte diese Vielfalt ermöglichen.
Ein zweiter gewichtiger Hinweis lag bei der Sonderpädagogik. Der Nettoaufwand lag 2025 bei rund CHF 5.2 Mio. Das entspricht etwa 6 Prozent des gesamten Gemeindeaufwands. Gemäss den an der Gemeindeversammlung gezeigten Zahlen lag die Primarstufe bei rund CHF 5.5 Mio. Die Sonderpädagogik bewegt sich damit finanziell fast in derselben Grössenordnung.
Gerade bei diesem Thema ist mir eine Klarstellung wichtig. Im Zentrum stehen Kinder, die Unterstützung brauchen. Sie verdienen Schutz, Respekt und verlässliche Begleitung. Auch aus persönlicher Erfahrung weiss ich, wie wichtig solche Unterstützung ist.
Die zentrale Frage lautet: Wie kann eine Gemeinde ihre Schulen so stärken, dass Kinder früher, näher und wirksamer unterstützt werden? Wie gelingt es, Ressourcen so einzusetzen, dass die Regelschule tragfähiger wird und externe Lösungen dort eingesetzt werden, wo sie wirklich notwendig sind?
Vor kurzem nahm ich an einer Veranstaltung der PH Zürich zum Thema belastete und belastbare Schulen teil. Besonders eindrücklich war das Beispiel Wetzikon. Entscheidend war dort weniger eine einzelne Massnahme als die strategische Klarheit. Über mehrere Jahre hinweg konzentrierte sich die Schule auf ein zentrales Ziel: inklusiver zu werden.
Der Unterschied zwischen Integration und Inklusion ist mehr als terminologisch. Integration versucht, Kinder mit besonderen Bedürfnissen in bestehende Strukturen einzufügen. Inklusion fragt, wie Strukturen beschaffen sein müssen, damit Verschiedenheit von Beginn an mitgedacht wird.
Nach Darstellung der Verantwortlichen in Wetzikon konnten die Kosten für Sonderschulungen deutlich reduziert und zugleich die Unterstützung innerhalb der Regelschule gestärkt werden. Der Leiter Bildung von Wetzikon hat uns eingeladen, ihre Erfahrungen vor Ort kennenzulernen. Für Fällanden liegt darin ein naheliegender Weg: hinschauen, zuhören und von Gemeinden lernen, die ähnliche Herausforderungen systematisch angegangen sind.
Für Fällanden ist das eine strategische Frage. Bereits eine moderate Entlastung hätte grosse Wirkung. Entscheidend ist jedoch der Weg: frühe Unterstützung, stärkere Tragfähigkeit der Regelschule, klare Prozesse und interdisziplinäre Zusammenarbeit.
Im Zentrum steht eine Schule, die Kinder wirksamer unterstützt. Wenn das gelingt, profitieren Kinder, Familien, Lehrpersonen und langfristig auch die Gemeindefinanzen.
Auch jenseits der Schule bleibt die finanzpolitische Aufgabe anspruchsvoll. Investitionen in Schulhäuser, Gemeindehaus, Energie, Hochwasserschutz und weitere Infrastruktur brauchen klare Prioritäten, realistische Planung und genügend Umsetzungskraft. Gute Politik zeigt sich im Beschluss und in der Fähigkeit, Vorhaben verlässlich umzusetzen.
Der zweite Teil des Abends rückte die Menschen in den Vordergrund, die solche Verantwortung tragen. Die Verabschiedung von Rita Niederöst, Thomas Bürki und Maia Ernst erinnerte daran, dass lokale Politik aus Geschäften, Beschlüssen und Haltung besteht.
Rita betonte den Respekt im Umgang mit unterschiedlichen Meinungen. Thomas sprach über konstruktive Kritik als Voraussetzung demokratischer Arbeit. Maia zeigte an konkreten Beispielen, was Milizarbeit bedeutet: Wer ein Amt übernimmt, trägt plötzlich Verantwortung für Themen wie Werke, Alterszentrum oder Jugendarbeit, auch wenn man aus anderen Fachgebieten kommt. Entscheidend ist dann die Bereitschaft, zuzuhören, von Fachpersonen zu lernen und daraus politische Verantwortung wahrzunehmen.
Gerade darin liegt die Stärke des schweizerischen Milizsystems. Gemeinden funktionieren, weil Menschen neben Beruf, Familie und privatem Leben öffentliche Aufgaben übernehmen. Sie tun dies meist ohne grosse Bühne, oft mit erheblichem Zeitaufwand und gelegentlich unter Kritik.
Dieses System ist anspruchsvoll. Seine Kraft liegt in der Nähe zum Alltag. Entscheidungen werden von Menschen getroffen, die ihre Folgen im eigenen Umfeld erleben und mittragen.
Diese Gemeindeversammlung in Fällanden war deshalb mehr als die Genehmigung einer Rechnung. Sie zeigte eine Gemeinde mit soliden Grundlagen, realen Herausforderungen und einem politischen System, das von Beteiligung lebt.
Zahlen sind wichtig. Aber sie erklären eine Gemeinde nie vollständig.
Entscheidend bleibt, ob genug Menschen bereit sind, hinzuschauen, mitzudenken und Verantwortung zu tragen.
