von Mario Solis, Pfaffhausen
Das Absurde dient, wenn es gut gestaltet ist, nicht nur dazu, Lachen auszulösen. Es zeigt den Moment, in dem eine scheinbar logische Lösung beginnt, Unordnung zu schaffen. Diesen Eindruck hatte ich beim Theaterabend der 6. Klasse meines Sohnes in Bommern. Die Aufführung war als Fernsehnachrichtensendung mit absurden Meldungen aufgebaut und wurde von Liedern von Mani Matter begleitet, die von einem Kinderchor gesungen wurden.

Die Lehrerin führte die Klasse mit viel Gespür und Intelligenz durch dieses Projekt. Die Kinder sangen und spielten nicht einfach lustige Szenen. Sie machten Situationen sichtbar, in denen sich Humor, Sprache und Nachdenken begegnen. Hinter der heiteren Oberfläche verbarg sich eine unbequemere Beobachtung: Menschen scheitern oft nicht an bösen Absichten, sondern an vernünftigen Überlegungen, die ihren Bezug zur Wirklichkeit verlieren.
Die Form der Nachrichtensendung verlieh dieser Beobachtung besondere Kraft. Nachrichten versprechen, die Welt zu ordnen. Sie trennen Fakten, bringen Ereignisse in eine Reihenfolge und vermitteln den Eindruck, dass alles erklärbar sei. In der Aufführung wurden jedoch gerade Situationen gezeigt, in denen die Erklärung zu spät kam. In «Dr Alpeflug» stürzte ein Flugzeug ab, weil eine Warnung im Lärm der Kommunikation unterging. In «I han es Zündhölzli azündt» entwickelte sich aus einer Kleinigkeit eine Kette immer grösserer Folgen. In «Dr Wecker» wurde der Versuch, Zeit zu gewinnen, selbst zum Problem.
Was die verschiedenen Geschichten verbindet, ist nicht nur ihr Humor, sondern ihre innere Logik. Immer wieder folgen Menschen einer vernünftigen Überlegung, bis diese ihren Bezug zum eigentlichen Zweck verliert. In «Dr Sidi Abdel Assar vo El Hama» wird Zuneigung zur Frage von Angebot und Nachfrage. In «D’Nase» verliert jemand durch die Lösung seines Problems zugleich etwas, das Teil seiner Identität geworden war. Und in «Dr Eskimo» zeigt sich, wie Hilfe in Bevormundung umschlagen kann, wenn man die Welt des anderen nicht wirklich versteht. Die Aufführung machte sich also nicht einfach über zerstreute oder eitle Menschen lustig. Sie zeigte die Verletzlichkeit menschlichen Handelns dort, wo gute Absichten mit echtem Verstehen verwechselt werden.
Dass diese Geschichten von Kindern gespielt wurden, verstärkte ihre Wirkung zusätzlich. Während sie über die Bühne rannten, absurde Nachrichten verlasen und Missgeschicke in ein Spiel verwandelten, konnten die Erwachsenen im Publikum auch etwas weniger Heiteres erkennen. Dieselbe Szene funktionierte auf zwei Ebenen zugleich: als Spiel für die Kinder und als Denkanstoss für die Erwachsenen.
Genau in diesem Sinn könnte man sich leicht eine weitere absurde Nachricht vorstellen: In einem Dorf wird sorgfältig geprüft, ob alle Wegweiser richtig montiert sind. Zuständigkeiten werden geklärt, Vorschriften zitiert, Abläufe bestätigt. Alles stimmt. Nur fragt niemand mehr, wohin der Weg eigentlich führen soll. Eine andere Person stellt genau diese Frage, doch die Antwort lautet immer wieder, dass die Schilder korrekt angebracht seien. Beide Seiten haben einen Punkt. Und doch reden sie aneinander vorbei.
Darin liegt eine typische Spannung bei Mani Matter. Regeln, Verfahren und Werkzeuge sind notwendig. Sie schaffen Ordnung und schützen vor Willkür. Zugleich können sie den Blick verengen, wenn sie die Frage nach dem Zweck ersetzen. Dann wird die Strasse verteidigt, während die Richtung unklar bleibt. Das Absurde entsteht nicht aus Dummheit, sondern aus einer Vernunft, die an der falschen Stelle stehen bleibt.
Gerade darin lag für mich die Stärke dieses Theaterabends. Er war weit mehr als eine Hommage an einen grossen Schweizer Liedermacher. Die Aufführung zeigte, wie Humor bilden kann, ohne zu belehren. Sie verwandelte kleine Geschichten in Fragen nach Kommunikation, Verantwortung und Urteilskraft. Und sie erinnerte daran, dass Entscheidungen oft genau dann gefährlich werden, wenn sie so logisch erscheinen, dass sie kein Zuhören und keine Aufmerksamkeit für andere Menschen mehr zu brauchen scheinen.
