Neues vom Dorf in der Nähe von Seldwyla

Es war einmal ein Dorf in der Nähe von Seldwyla. Dieses Dorf hatte drei Teile: Volktal, Knebelacker und Münzberg. Es wurde von einem Ältestenrat mit derzeit sieben Mitgliedern regiert. Der Rat tagte in der grossen Residenz im Volktal und ging seinen Regierungsgeschäften und Steckenpferden nach.

Seit der letzten Folge dieser Chronik tropfte bis zur Sommertrockenheit ebenso viel Wasser vom Dach in die Residenz wie sich Vorhaben des Ältestenrates in Luft auflösten. Natürlich ist das den Männern am Stammtisch im Wirtshaus zum Sterz nicht entgangen. Entsprechend lebhaft wird das Dorfgeschehen beim Feierabendbier diskutiert. So kurz nach den Neuwahlen der Dorfautoritäten und dem Beginn der neuen Amtszeit gibt es ja freilich genug Themen.

Guschti: «Sali zäme. Schön, können wir nach der Sommerpause wieder zusammen unser Feierabendbier trinken im Sterz.»

Fredi: «Ja, prost allerseits. Zum Glück; sicher ist ja nichts in der Gasthaus-Szene im Dorf in der Nähe von Seldwyla. Neulich machten wieder Insolvenzgerüchte die Runde. Und die Pfaffenhütte auf dem Münzberg ist ja schon lange geschlossen (trotzdem hat sie noch ein eigenes Anschlagbrett samt Spendenkonto). Sonst aber ist dort nichts. Wetten, dass der neu formierte Ältestenrat schon den nächsten Reinfall plant? Das braucht natürlich seine Zeit, denn das neue Mitglied Amigo Herpeton wird zweifellos auf eine verstärkte biovegan-alkohol- und glutenfreie Unverpackt-Komponente dringen auf Erbsenprotein-Basis, natürlich laktosefrei.»

Köbi: «Kann Dir ja egal sein, musst ja nicht hingehen.»

Fredi: «Ist mir aber nicht egal: seit Jahr und Tag helfe ich mit meinen Steuern, die Abenteuer dieser Möchtegern-Unternehmer im Ältestenrat zu finanzieren. Und ob sich die dem Stimmbürger erfolgreich schmackhaft gemachte Gründung einer Werke-Gesellschaft auszahlt, muss sich erst noch weisen. Wenigstens ist ein grosser Teil der Vorbereitungsarbeiten bereits erledigt: der Präsident des Verwaltungsrates ist gewählt.»

Geni: «Woher kriege ich dann meine Aufträge? Ein Teil der Anlagen verbleibt ja bei der Gemeinde!»

Fredi: «Keine Ahnung, musst halt fragen. Ist ja auch unwichtig im Vergleich mit der neuesten Mitteilung des Ältestenrates an seinem Anschlagbrett, wonach die Projektierungsarbeiten für die Sanierung der grossen Residenz im Volktal abgebrochen sind. Habt ihr das nicht gelesen?»

Guschti: «Nein, ich war ja in den Ferien.»

Fredi: «Ja, jetzt weisst du, weshalb der Ältestenrat diese Bombe anfangs Juli platzen liess – ein Zeitpunkt, zu dem sich bekanntlich besonders viele Leute mit Ferien beschäftigen. Ausserdem sind die Ältesten ja nett zueinander: Pekunia Frölich, Diskrezia Nada und Profundo Grabofski sind damit vielleicht zum Schneider raus. Und die neuen Nono Wohco und Amigo Herpeton können sagen: ’sorry, vor meiner Zeit‘. Die Sanierung soll nun nicht den vom Volk angenommenen Betrag, sondern mehr als das Doppelte kosten. Was die seinerzeitige Studie alles nicht gesehen hat, wird wohl Gegenstand weiterer Studien sein. Der Ältestenrat entschuldigt sich und übernimmt die Verantwortung dafür, während sich Säckelmeister Forno Fumo wohl frustriert hinter einen Rauchvorhang verzieht.»

Anton: «Was heisst: Verantwortung übernehmen? Tritt der Allerälteste oder der ganze Ältestenrat zurück?»

Fredi: «Natürlich nicht. Augias Erschoh meint, dass die einzige anständige Lösung eine neue Volksabstimmung sei im ersten Semester des nächsten Jahres zur Frage: Sanierung oder Neubau. Dazu verspricht er ‚Detaillierte Informationen bis Ende dieses Jahres über die neue Ausgangslage und das Für und Wider der beiden Varianten Sanierung und Neubau‘.»

Guschti: «Ich höre wohl nicht recht: keinerlei Konsequenzen für diese Pfuscher, und dann die erstaunliche Kunst, ein Volksabstimmungsergebnis politisch so lange neu zu interpretieren, bis es wieder zur aktuellen Absicht des Ältestenrates passt. Einen Neubau für einen Alimico-Laden und die Gemeindeverwaltung verwarf das Volk ja deutlich. Und wir wissen noch immer nicht, wer diese Schnapsidee hatte mit diesem Laden, für den sich in meiner Erinnerung kaum jemand aus dem Volk begeistert hatte

Fredi: «Stellt euch vor: eine erneute Abstimmung soll im nächsten Semester erfolgen. Das heisst: in ca. vier Arbeitsmonaten muss eine revidierte Grobkostenschätzung für die Sanierung her sowie ein vollständig neues Projekt inkl. Grobkostenschätzung für einen Neubau. Man muss wirklich sinnfrei unterwegs sein, um so ein Programm zu verbreiten. Und dann wird uns dieser Unfug noch als ‚Chance‘ verkauft! Man kann es nur wiederholen: solange Augias Erschoh am Ruder bleibt, ändert sich nichts! Man könnte fast den Eindruck gewinnen, dass er in die Dorfgeschichte eingehen möchte als grosser Initiant eines Residenz-Neubaus. Nach dem Abenteuer mit dem Alimico-Laden soll nun die Aussicht auf Alterswohnungen den Neubau versüssen.Der schlechte Zustand der Fassade im Bestand sei eben ein wesentlicher Grund für die Kostenexplosion, meint er. Davon, dass offenbar schon 2005 eine Studie für eine Fassaden-Reparatur vorlag, ist für den Ältesten kein Thema; das war ja ‚vor meiner Zeit‘. Und ob der aktuell zuständige Consulto Heinewin diese kennt, wissen wir nicht. Der ist sowieso jetzt im Stress.»

Gusti: «Wieso Stress, eine Studie ist schon bestellt, zahlreiche weitere werden folgen. Alles im Griff.»

Geni: «Aber geht das, einen Entscheid des Souveräns einfach zu kippen durch den Ältestenrat?»

Willi: «Wir werden sehen. Jetzt kann man sich natürlich fragen, weshalb der Ältestenrat bei der Revision der Gemeindeordnung an einer RGPK so wenig Freude hatte, denn eine solche kann früher Einfluss nehmen als eine RPK. Wenn ich mich richtig erinnere, steht im kantonalen Leitfaden dazu: ‚Die RGPK übt die politische Kontrolle über die Geschäftsführung der Gemeinde aus. Es handelt sich um eine Aufsichtstätigkeit im Dienst der Oberaufsicht der Gemeindeversammlung über die Behörden, die Verwaltung und die weiteren Träger öffentlicher Aufgaben‚. Offenbar brauchen wir doch so etwas nicht im Dorf in der Nähe von Seldwyla, wo der Älteste der Alten einen Abstimmungserfolg nach dem anderen feiert.»

Geni: «Guter Hinweis. Vielleicht hätte sich die bisherige RPK noch kritisch zur Situation geäussert. Von der neu eingesetzten RPK ist wohl wenig zu erwarten: die dortige Mehrheit aus Parteifreien und politisch besonders pflegeleichten Mitgliedern, verstärkt durch Mettu Salem, dürfte mit der Regierung wohl eher pfleglich umgehen.»

Willi: «Vielleicht geschieht ja ein Wunder, indem sich vernünftige RPK-Mitglieder einmal durchsetzen

Fredi: «Eine Nagelprobe für die RPK wird dann der Baukredit sein für den ebenso überrissenen wie teuren und ausserplanmässigen Um- und Ergänzungsbau beim Schulhaus im Volktal. Präsentiert an einer vergangenen Gemeindeversammlung mit vorab angepassten Unterlagen

Anton: «Und was ist eigentlich mit der Dorfkernentwicklung im Volktal?»

Fredi: «Vergiss‘ es. Zum Glück passiert hier nichts. Es kann ja nur schiefgehen. Ausserdem braucht die Gemeinde den Platz vor der alten Fabrik, denn dort hat sie viele Kutschenplätze vermietet, die eigentlich anderswo sein müssten. Der Ältestenrat liebt halt Kutschen – auch schnelle. Er will diese ja weiterhin durch den Dorfkern rattern lassen und begründete dies in einem faktenarmen Faktenblatt. Er musste dann eine Einzelinitiative betreffend einen Kutschenweg am Dorf vorbei von der Gemeindeversammlung abstimmen lassen und liess dazu erstmals, wie man hörte, nette Personen vom Münzberg mit einer Extrakutsche in die Fabrik karren. Die Rechnung ging auf. Ein Abstimmungserfolg mehr für den Ältesten und jedes Jahr mehr Kutschen unten im Volktal. Was kratzt das die Münzberger! Hallo Wirt: noch ein Grosses.»

Anton: «Wurde nicht auch die Schulpflege neu gewählt?»

Fredi: «Auch hier: alles beim Alten auch wenn wir auf Rotaria Collasede verzichten müssen. Ob die neue Behörde künftig nicht nur die Schule, sondern auch die Gemeindekasse pflegt, bleibt abzuwarten. Eine deutliche Steigerung wäre nötig.»

Anton: «Glaubst Du daran?»

Fredi: «Nein. Dafür lässt uns Abundio Trivialis neuerdings an seinen Schriften teilhaben. Da bleibt umso weniger Zeit für Behördenarbeit, wie das früher verstanden wurde. Und dem Vorsitzenden Cento Millionis kann’s recht sein: ein kritischer Einwurf weniger, der seine teuren Baukreise stören könnte.»

Und so nimmt das Leben im Dorf in der Nähe von Seldwyla seinen gewohnten Lauf. Einige sind unzufrieden, vielen gefällt’s, den meisten ist es egal. Mindestens bis zur nächsten Steuerfuss-Erhöhung. Und auch Santiago Voltagabbana scheint neuerdings Gefallen am Handeln des Ältestenrats zu finden, den er noch jüngst kollektiv in die Wüste schicken wollte. Doch heute scheint selbst eine Verdoppelung von Projektkosten in Millionenhöhe seine Begeisterung nicht mehr wesentlich zu trüben.

Den Ältestenrat freut’s und wartet mit Ungeduld auf die neuen, sündhaft teuren Fahrwege für die Kollektiv-Kutschen inkl. Linksverkehr, Lichtsignalanlagen, Barrieren und die verlängerten Schleich-Zonen vom Münzberg hinunter zum wachsenden Dauerstau im Volktal. Unterbrochen durch anhaltende Studien zur neuen, unnötigen und wohl nicht ganz billigen Dorfpostille. Leise rieselt das Geld.


Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, Institutionen und Orten sind selbstverständlich rein zufällig. Wer sich trotzdem erkannt fühlt, sollte sich fragen, warum.

2 Antworten auf „Neues vom Dorf in der Nähe von Seldwyla“

  1. 😂 Abundio Trivialis scheint ja ein interessanter Zeitgenosse zu sein. Seine Schriften werde ich künftig besonders kritisch lesen 😉

  2. Meisterlich gelungene Geschichten. Die lateinisch geprägten Namen in den Geschichten lassen tief blicken und beschreiben treffend die Charaktere.
    Danke Roland, ich freue mich bereits auf die hoffentlich kommende Fortsetzung.
    Anmerkung Kommentar: Nicht KI unterstützt.

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